Praxis Interview – Frontpage 95-01

Praxis Rec.

von Joel Amaretto


Wir schreiben das Jahr 1995, und die Karten werden neu gemischt. Neue Szenen bilden sich und neue Innovationen bahnen sich langsam aber sicher ihren Weg. Im vergangenen halben Jahr entstand in Europa ein neuer Underground, der im Hardcore nicht nur einen aggressiven Gegenpol zu Trance, Hardtrance, House und Langweiler-Acid sieht, sondern auch eine politische Ausdrucksform. Die Protagonisten dieser Bewegung verstecken sich in den Vororten von Paris (Gangster Toons Industry, Explore Toi), Berlin (Digital Hardcore Recordings, Capital Noise), Hamburg (Cross Fade Enter Tainment), Frankfurt (PCP, Kotzaak), Kaiserslautern (Napalm) und vor allem mit Praxis Records im Londoner Stadtteil Brixton, wo mit Christoph Fringeli der ideologische Übervater dieser jungen und Außenstehenden schwer zugänglichen Szene sitzt. Joel Amaretto sprach mit dem gebürtigen Schweizer über die nächste bevorstehende Revolution.
FP:
Um alle Zusammenhänge verständlich zu machen, beschreibe zunächst diese neue Form von Hardcore, wie ihn Praxis Records propagiert.
Christoph Fringeli:
Wenn ich es auf einen Nenner bringen will, müßte ich sagen, wir machen experimentellen Hardcore, was natürlich ein weites Feld sein kann und auch sein soll. Wir sind an neuen Sounds und Strukturen interessiert, an Noise und Intensität. Die Einflüsse bei Praxis sind wohl frühe Industrialsachen, Punk, Speedmetal und HipHop. Aber immer nur gewisse Ideen daraus, sowie nicht-musikalische Konzepte.
FP:
Welchen Anspruch stellst du an die Platten, die auf Praxis veröffentlicht werden?
CF:
Die Sachen kommen alle aus einem recht kleinen Kreis von Leuten, die alle sehr gute Freunde sind, d.h. man ist auch auf anderen Ebenen in Kontakt, ein typisches Label-Künstler-Verhältnis gibt’s bei uns nicht. Um auf Praxis zu erscheinen, muß der Sound auf irgendeine Weise weitergehen. Etwas schon Existentes zu reproduzieren, interessiert uns nicht. Experimentieren heißt in unserem Falle auch, daß die Endform nicht von vornherein feststeht. Uns interessiert die Idee des Brechens von Strukturen und das Erforschen von Tiefen. Natürlich sind wir keine Akademiker, auch wenn sich das jetzt so anhören mag. Es ist mir wichtig, daß ich die Sachen zumindest teilweise in einem DJ-Set spielen kann. Daß ich mir vorstellen kann, daß die Beats und Sounds in einem Warehouse aus den Lautsprechern kommen und dabei eine Energie und Intensität produziert wird, die mit einer geistigen Öffnung einhergeht.
FP:
Das klingt teilweise noch stark nach Schlagworten der etablierten Techno-Kultur von Trance bis House. Wie erlebst du die Techno-Kultur in dem Rahmen, wie du sie definierst?
CF:
Die Szene in London ist sehr klein, was Hardcore angeht. Es gibt hier eine tiefe Spaltung. Die härteren Sachen sind einfach nicht salonfähig und es gibt kaum Clubs, die überhaupt Techno spielen. Es sei denn man zählt Trance dazu, was ich nicht tue. Akzeptiert sind nur gewisse Acid- und Detroit-Sachen. Techno ist für mich die Musik, die hier auf den illegalen Raves und Underground Squatt-Parties gespielt wird. Leider sind diese kleiner und seltener geworden, weil die Repression dagegen durch den nun gesetzlich verabschiedeten Criminal Justice Act sehr heftig wurde. Die Opposition gegen dieses Irrsinnsgesetz hat viele Raver politisiert oder in ihrer Ablehnung des Systems gefestigt. Man muß jetzt neue Strategien anwenden und sich besser organisieren.
FP:
Welchen politischen und kulturellen Kontext siehst du für Techno im Allgemeinen und welche Position nimmt dabei Praxis ein?
CF:
Techno, zumindest der Teil davon, der uns interessiert, ist angetreten die überholten, hierarischen Strukturen des Musikmarktes zu zerschmettern. Das gilt nicht nur für den Star, der mit der Bühne verschwindet, sondern auch für das Copyright (den Besitz von Ideen) bis zur Struktur der Musik selbst und dessen, woraus sie besteht. Die Technologie, die das möglich macht, ist im Prinzip der Abfall der militärischen Forschung, der als Unterhaltungselektronik verramscht wird, und es immer jedem möglich macht, diesem Pool von Ideen – der allen gehört – Dinge zu entnehmen und zu geben. Das gilt auch für andere Bereiche, aber die Musik ist der machtvollste, weil sie das Gegenteil dessen impliziert, zu dem wir verurteilt sind: Unbeweglichkeit.So sind die Augen beispielsweise starr auf den TV-Schirm gerichtet, während die Lügen ins Hirn fließen. Natürlich wurde seither in Trance eine Form gefunden, wo die Hirnwäsche auf der Tanzfläche fortgesetzt werden kann. Dort ist der Ablauf der Nacht schon mehr oder weniger festgelegt, die Möglichkeiten eingeschränkt. Die deliröse Freiheit eines Free Festivals, das keinen oder kaum Eintritt kostet, ist hingegen ein totaler Bruch mit den kapitalistischen Werten und damit auch die Geburtsstätte neuer Communities.

Deshalb werden sie auch verboten und mit militärischem Polizeiaufgebot unterdrückt. Megaraves und Pop-Techno interessiert uns nicht, weil sich da nichts Neues tut: Das ist totaler Konformismus und es macht keinen Unterschied, was da für Musik läuft. Wir glauben aber auch nicht, daß das das subversive Potential schmälert. Ein Problem ist nur, daß beides als Techno bezeichnet wird, obwohl es sich um unkompatible Dinge handelt. Vielleicht gibt es eine Grauzone zwischen illegalem Untergrund und Kommerz, in die es sich lohnt zu investieren.

FP:
In Deutschland versuchen Label wie Cross Fade Enter Tainment, Capital Noise, DHR und teilweise auch PCP den Begriff Techno ganz zu vermeiden. Sie sagen, das einzige, was sie mit Techno verbindet, sind dieselben Produktionsmittel.
CF:
Ich sehe die Notwendigkeit,sich gegen das ganze Spießertum abzugrenzen, weil man sonst von den falschen Leuten in den selben Topf geworfen wird. In England macht es gerade noch Sinn das Wort zu verwenden, obwohl auch immer weniger. Aber das ist ja auch so mit Worten wie Underground und Hardcore. Ich denke, daß wir in einer Umbruchphase sind, die vielleicht schon 1995 reif zur Explosion wird. Der Name wird sich schon von alleine finden.
FP:
Wie stehst du zur kommerziellen Ausschlachtung von Techno?
CF:
Einerseits bin ich gegen Underground-Elitismus, andererseits ist es schon so, daß sich Sachen, die populär werden, bald in Dünnschiß verwandeln. Ausschlachtung bedeutet, daß Leute oder Interessengruppen sich eines Gebiets annehmen, einzig, weil sie da eine schnelle Mark wittern. Das hat schnell mal die Folge, daß kaum mehr Integrität auf einem Gebiet zu finden ist. Das Problem bei Techno ist in diesem Zusammenhang, daß offenbar die Musikindustrie ihre alten Strategien mehr und mehr auch bei dieser Musik in Anwendung bringen konnte, wo dies eigentlich hätte unmöglich sein sollen. Es gibt jetzt wieder den Starkult! Aber bis uns sowas passiert, sind wir schon wieder ganz woanders.
FP:
Mit welcher Motivation bringt ihr euer politisches Bewußtsein ein, wo Techno im Volksmund doch nur als sinnvoller Freizeitspaß für die Jugend angesehen wird? Wie ist eure Labelphilosophie?
CF:
Mit der Trennung von Freizeit und Arbeit können wir nichts anfangen. Es ist einer der Dualismen einer Gesellschaft, die wir bekämpfen, setzt doch Freizeit voraus, daß man den Rest der Zeit versklavt wird. Gleichzeitig wird hier in England Techno nicht unbedingt als sinnvoller Freizeitspaß angesehen. Es ist schon eher eine Outlaw Music und -Kultur, wenn man von den ganzen sogenannten Intelligent-Sachen einmal absieht. Das hat viel mit der hiesigen Klassengesellschaft zu tun. Ich glaube, daß jedes Label politisch ist, gerade die, die behaupten, unpolitisch zu sein, erklären damit doch bloß, daß sie den Status Quo unterstützen. Es ist unvermeidlich, daß sich das politische Bewußtsein in dem ausdrückt, was man macht. Alles was wir tun, ist Teil unseres ganzen Lebens, unserer Bedürfnisse, von Träumen, Liebe und Haß…Und damit hat alles auch eine politische Dimension, nicht nur in einem abstrakten Sinn, sondern auch mit einem direkten Einfluß auf unsere Aktivitäten. Der Criminal Justice Act, der Festivals praktisch verbietet und sowohl den nomadischen Lebensstil der Travellers, wie auch das Hausbesetzen fast verunmöglicht, ist nur ein Teil einer generellen Entwicklung zu mehr Kontrolle, die, wenn wir sie nicht mit allen Mitteln bekämpfen, in eine totale Überwachung und Bevormundung münden werden.

Wir sehen uns aber nicht so sehr als ein Label, das Musik und andere Medien benutzt, um einen ultralinken Standpunkt zu propagieren, sondern als eine Gruppe von Leuten in der Tradition radikaler kultureller Bewegungen wie Dada, Surrealismus, und vor allem den Situationisten, ohne sich dabei an eine davon speziell anzulehnen. Wir haben eher den selben Geist bei der Verbindung von Leben, Kunst und Revolte. Wir sind Teil eines Invisible College, eines unsichtbaren Netzwerks, das den Planeten umspannt. Während wir natürlich in einer Tradition experimenteller elektronischer Musik stehen, sind Denker wie de Sade, Bataille oder Virilio ebenso wichtig.

FP:
Seid ihr an einer Systemveränderung interessiert und auf welchem Wege?
CF:
Sicher wollen wir die Systemveränderung. Aber wir glauben nicht, daß eine soziale Revolution im traditionellen Sinn ansteht. Revolutionäre Zellen zu bilden heißt heute, experimentelle Labors aufzubauen, die Viren konzipieren, die Kontrollmechanismen zugrunderichten und Kommandos, die kulturelle und politische Stätten der Unterdrückung in temporäre autonome Zonen verwandeln und verteidigen. Um diese Ziele zu erreichen können wir uns der Technologie bedienen, sie mißbrauchen und in den Dienst eines experimentellen poetischen Terrorismus stellen, dessen Ziel unsere Souveränität als physische Körper und unabhängige Geister ist.
FP:
Politik und Techno in England. In Deutschland denkt man da spontan immer nur an den Spiral Tribe und ihren Widerstand gegen die Staatsgewalten. Wie steht ihr zu den Techno-Travellern?
CF:
Ich habe enormen Respekt für den Spiral Tribe, die ja jetzt über ganz Europa verstreut sind und vor allem für die französische Szene sehr wichtig waren. Sie waren auch von ganz außerordentlicher Wichtigkeit für den hiesigen Techno-Untergrund, konnten aber eigentlich seit ’92 nicht mehr viel machen, weil sie wegen des gigantischen Castlemorton Festivals vor Gericht waren. Natürlich gibt’s noch Dutzende weitere Sound Systems hier, die teilweise immer noch Land-auf-Land-ab Parties machen und denen Respekt gebührt, aber die Spirals waren in gewissem Sinn schon das wichtigste und umstrittenste.
FP:
Mit welchen Labels oder Acts fühlt ihr euch geistig verbunden?
CF:
Da ist zunächst mal PCP, die immer eine große Inspiration waren. Natürlich Underground Resistance anno ’91, Atomu Shinzo, Lenny D. und Drop Bass Network. Dann gibt’s eine Reihe neuerer Labels und wir sind zuversichtlich, daß sich aus diesem Netzwerk eine neue Phase für Post Techno Hardcore entwickeln wird: Network 23, DHR, Cross Fade, Explore Toi, TNT und die ganzen französischen Gangstas, DJ Deadly Buda aus Pittsburgh, Caustic Visions und eine Reihe anderer, mit denen wir auch auf verschiedene Art kollaborieren werden.
FP:
Ihr organisiert in London auch Parties. Wie muß eine perfekte Party für euch aussehen?
CF:
Ich glaube nicht, daß man eine perfekte Party organisieren kann. Da müssen Elemente zusammenkommen, die außerhalb der Kontrolle der Organisatoren sind. Man kann aber sehr gute Parties organisieren. Wir machen einmal im Monat eine Party in einem berüchtigten Squatt in Brixton, einer Art anarchistischem Zentrum unter dem Motto Dead By Dawn. Sie sind sehr klein, werden aber immer perfekter.
FP:
Kürzlich fiel mir auch noch ein Magazin namens Alien Underground in die Hände, das auch von euch stammt…
CF:
Alien Underground war der nächste logische Schritt, nachdem wir Anfang ’94 angefangen haben, einen Newsletter zu publizieren. Es gab einfach mehr Ideen, als wir dort in die 8 Seiten packen konnten, zudem gab es in England kein Techno-Magazin in der Art, wie wir das gern hätten. Die Idee ist Musik-Features über Leute, die interessante experimentelle und Hardcore-Sachen machen, Plattenbesprechungen, Interviews, Essays, Buchbesprechungen, die um die Ideen kreisen, um die es auch in diesem Interview geht, zu verbinden. Sprich: Subversive Techno Culture pur. Störsignale, Noise, the invisible insurrection of a million minds. Die 2. Ausgabe erscheint Januar ’95 und ist von Deutschland aus erhältlich für 3 IRC’s (International Reply Coupons, gibt’s bei der Post), die einfach an uns gesandt werden: Praxis/Alien Underground, B.M.Jed., London WC1N 3XX, England.
FP:
Was plant ihr für 1995?
CF:
Drei bis vier Ausgaben des Magazins, Newsletters, auch eine kleine regelmäßige Publikation auf dem Internet, ungefähr monatlich eine 12″, eine CD-Compilation mit langsameren experimentellen heavy Material, die wir schon ‘ne Weile zusammengestellt haben, ein bis zwei Alben, sowie eine Compilation von schon veröffentlichtem und großteils vergriffenem Material. Natürlich machen wir auch mit den Parties weiter und spielen auch im Ausland immer mehr. Bestimmt und hoffentlich passieren auch viele unvorhergesehene Dinge.
FP:
Und wie sieht eure Vision für 1995 aus?
CF:
Der unsichtbare Aufstand gewinnt Kraft!

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